Einige Gedanken im Voraus

Seit langem ist der 18. März als „Tag der politischen Gefangenen“ ein fester Termin im linken Terminkalender. Wir wollen diesen Tag zum Anlass nehmen um uns kritisch mit traditioneller linker Solidaritätsarbeit zu beschäftigen und eine allgemeine Knastkritik zu formulieren.

Der „Tag der politischen Gefangenen“ differenziert schon im Namen zwischen „politischen“ und „nicht-politischen“ Gefangenen. Somit wird verschwiegen, dass alle „Verbrecher_innen“ Produkt einer sozialen Ordnung sind und durch diese bedingt werden. Jedoch beschäftigt sich die „klassische Linke“ meist nur mit skandalisierten Einzelfällen und vermeidet dadurch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Thematik.

Die meisten Paragraphen des Strafgesetzbuches dienen dem Schutz von Staat und sozialer Ordnung, sowie der Sicherung der Eigentumsverhältnisse. So können scheinbar „unpolitische“ Taten auch Ausdruck einer Unzufriedenheit gegenüber dem Bestehenden sein.

Die oft benutzte Forderung „Freiheit für alle politischen Gefangenen“ wendet sich an eine Obrigkeit, die dadurch legitimiert wird, und stellt das Bestehen von hierarchischen Strukturen und des Knastsystems generell nicht in Frage.

Darüber hinaus sehen wir uns einer Mehrheitsgesellschaft gegenüber deren Bild von Gefangenen von stigmatisierenden Klischees geprägt ist. Jegliche kritische Auseinandersetzung wird verweigert und es erfolgt höchstens eine Bewertung von Gerichtsurteilen anhand von moralischen Maßstäben und hegemonialen Gerechtigkeitsvorstellungen.

Für uns stellt es außerdem ein Problem dar, dass Solidarität ein wenig definierter, jedoch viel benutzter Begriff ist, der leider meist bei bloßer Theorie endet. Die Möglichkeit von direkter Solidarität zu Kämpfen und Aufständen in Knästen, wie beispielsweise in Belgien oder der Schweiz, eröffnen Perspektiven, die Kämpfe der Inhaftierten nach außen zu tragen und fortzuführen.

Wir hoffen, mit dieser Broschüre eine Diskussion anzustoßen und dazu anzuregen, festgefahrenen Vorstellung aufzulösen. Diese Broschüre hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, weder ist sie ein Lehrbuch, noch kann und will sie eine universelle Lösung bieten. Mit der Auswahl der Texte wollen wir versuchen, möglichst viele Facetten der Knastgesellschaft zu beleuchten. Auch wenn nicht alle Texte zu hundert Prozent unsere Meinung widerspiegeln, hoffen wir zu einer emanzipatorischen Theorie und Praxis beitragen zu können.

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